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Renate Lehnort 

 

 

Wohin der Wind uns weht

 

Aufbruch in eine ungewisse Zukunft

 

Band 1: 1847/48

Familiensaga

 

 

BLICK INS BUCH:

 

„Was zum Teufel willst du zu dieser Stunde?“, fragte er und gähnte, während er sich mit allen zehn Fingern durch die Haare fuhr.
„Es stimmt, was Miss Williams gesagt hat“, stieß Finn hervor. „Ich habe von Shane, meinem Großcousin, erfahren, dass Mahons Verwalter seit gestern mit einem Räumkommando von Haus zu Haus geht, Polizisten sind auch dabei. Sie jagen die Leute aus ihren Häusern und zerstören sie anschließend. So wie er mir das geschildert hat …“ Er japste nach Atem. „Es ist so schrecklich, dass es mir schwerfällt, seine Erzählung zu wiederholen. Es spielen sich furchtbare Szenen ab, Frauen weinen, knien nieder, flehen um Gnade, bitten händeringend, ihr Heim nicht zu zerstören. Die Kinder hängen am Rockzipfel der Mütter und schreien. Die Männer stehen hilflos daneben und können gegen die Übermacht nichts ausrichten. Das Einzige, was sie tun können, ist, laut zu fluchen und schließlich das Feld zu räumen. Sie dürfen nur etwas Hausrat und wenn es kein Haus mehr gibt, die Strohmatten vom Dach mitnehmen. Das Räumungskommando kennt kein Mitleid, mit Brecheisen und Hacken machen sie die Häuser dem Erdboden gleich. Die Polizisten stehen tatenlos daneben und sehen zu.“ Tränen schossen Finn in die Augen, er zwinkerte sie weg.
„Elisabeth hat also doch die Wahrheit gesagt“, murmelte Pat. „Jetzt wird es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sie auch zu uns kommen.“ Er hatte so sachlich und ruhig gesprochen, dass er selbst von sich überrascht war.
Finns Haut war aschfahl, seine Hände zitterten. „Wie kannst du bloß so ruhig bleiben?“, fragte er, über Pats stoische Ruhe verärgert.
„Emotionen können wir uns jetzt nicht leisten, wir müssen handeln. Handeln um unserer Familien willen. Wo sind die Vertriebenen untergekommen?“
„Ich bin ein Stück hinauf in das Viertel gegangen, wo das Räumungskommando laut meinem Großcousin war. Was ich gesehen habe, war beispiellos. Einige Männer graben große Löcher in die Erde und da Strohmatten danebenliegen, nehme ich an, dass sie diese als Abdeckung für das Erdloch verwenden wollen.“
Pats Augen waren bis jetzt völlig ausdruckslos gewesen, nach Finns Antwort stand blankes Entsetzen in ihnen. „Wie weit sind sie von uns entfernt?“, fragte er nach einer Pause, in der er versuchte, das Gehörte zu verarbeiten.
„Es kann sich nur noch um Tage handeln, bis sie in unserem Viertel sind. Was hältst du davon, wenn ich alle Nachbarn zusammentrommle und wir uns wehren? Wir haben zwar keine Waffen, Mistgabeln und Schaufeln tun es aber auch.“
„Das hätte keinen Sinn, Finn“, erwiderte Pat mit müder Stimme. „Mahon hat das gesetzliche Recht sein Land zurückzuverlangen. Wir haben seit mehr als einem Jahr keine Pacht bezahlt und wenn wir uns jetzt wehren, erreichen wir nichts, wir landen höchstens im Gefängnis.“
„Dort haben wir wenigstens ein Dach über dem Kopf und werden versorgt“, sagte Finn mit einem Anflug von Zynismus.
„Unsinn“, fuhr Pat ihn an. „Frauen und Kinder wären sich selbst überlassen und außerdem grassieren dort die gleichen Krankheiten wie in den Armenhäusern. Lass mich nachdenken, vielleicht fällt mir für uns eine Lösung ein.“
Finn lehnte sich an den Türrahmen, sah Pat vertrauensvoll an und verhielt sich still. Bereits im Kindesalter wusste Finn, dass Pat ihm überlegen war. Intelligenz war nicht der Grund. Der Grund war, dass Pat härter und belastbarer war. Er war imstande, ohne nur das geringste Anzeichen von Nervosität zu zeigen, schwierige Situationen zu bewältigen, im Gegensatz zu ihm. Selbst die Mönche kamen gegen seine sachlichen Argumentationen nicht an. Finn kam es vor, als würde sein Verstand jegliche Gefühlsaufwallung unterdrücken. Er versteinerte gleichsam und seine Augen drückten eine Kälte aus, die Finn unheimlich war. Drückten sie doch normalerweise Gutmütigkeit und Lebenslust aus.
Pat hob den Kopf und sah mit leerem Blick auf die Wolken, die durch den Wind getrieben am blauen Himmel dahineilten. Plötzlich ballte er die Fäuste, sah Finn an und sagte: „Ich werde nicht auf das Räumungskommando warten, ich werde das Haus freiwillig mit meinen Geschwistern verlassen. Du solltest das auch tun. Ich gönne ihnen nicht die Genugtuung, mich zu demütigen. Ich bin auf diesen Gutsherrn“, er spuckte auf den Boden, „nicht angewiesen.“

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