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Renate Lehnort 

 

 

Sinfonie des Teufels

 

Harfenspiel und Paukenschlag

 

Band 8: 1951 – 1956

Historischer Roman

 

 

BLICK INS BUCH:

 

Ottos Hand berührte flüchtig die perfekt gebundene schwarze Schleife auf dem blütenweißen Smokinghemd. Nur Anna merkte an dieser Handbewegung, dass er nicht so gelassen war, wie er tat, als er das kleine Podium im großen Festsaal des Palais Amsal betrat und das Mikrofon zur Hand nahm. Otto wartete, bis sich das Geraune der Gäste legte, und ließ in dieser kurzen Zeitspanne seine Augen über die erste Reihe schweifen. Der erste Mann im Staate, der Bundespräsident, fehlte, das störte ihn nicht, denn Karl Renner war am letzten Tag des alten Jahres gestorben und ein Nachfolger war noch nicht gewählt worden. Als er zu reden begann, war es so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören. „Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, sehr geehrter Herr Vizekanzler, sehr geehrter Herr Außenminister, sehr geehrte Herren des Alliierten Rates, liebe Gäste. Auf diesen Augenblick habe ich mit großer Freude und Ungeduld gewartet. Darauf gewartet, Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, das Palais Amsal, das im Jahre 1719 erbaut wurde, im neuen Glanz präsentieren zu dürfen. Das Gebäude blieb zwar im Krieg von Bombentreffern verschont, trotzdem hat es gelitten. Um es so herzustellen, wie es einmal war und zusätzlich den modernen Standards anzupassen, war nicht leicht und hat aufwändiger Renovierungsarbeiten bedurft. Rund 300 Personen waren damit beschäftigt, diese Arbeiten umzusetzen. In mühsamer Handarbeit wurden kostbare Parkette, Vergoldungen, barocke Stuckdecken, Seidenbespannungen und Goblins ausgebessert beziehungsweise erneuert.“
Antonia hörte Otto nur mit halbem Ohr zu, denn sie war damit beschäftigt, sein Gesicht und seine Mimik zu studieren. Beides war ihr vertraut und doch wieder nicht. In den letzten Jahren hatte sie ihn kaum zu sehen bekommen. Er war gealtert, kein Zweifel, sah aber immer noch jünger aus, als er war, trotz seinem jetzt schlohweißen Haar, das einen scharfen Kontrast zu seiner leicht gebräunten Haut bildete. Sie hatte ihn einmal darauf angesprochen, wieso er stets so aussah, als wäre er von einem Aufenthalt in den Bergen oder am Meer zurückgekehrt. Er hatte ihr lachend geantwortet, das wäre ein Vorteil seiner schwarzen Haare, ein paar Sonnenstrahlen und schon wäre er braun. Wie er das macht, dachte sie, dass er schlank und rank bleibt. Peter hat, obwohl er weit jünger als Otto ist, in den letzten Jahren ein ordentliches Bäuchlein angesetzt. Und ich bin in den letzten Jahren, obwohl ich wie ein Spatz esse, auch nicht mehr so schlank wie früher. Muss wohl bei ihm Veranlagung sein. Hätte sie gewusst, dass Otto seine Figur aus purer Eitelkeit nur durch tägliches Training in Form hielt, wäre sie überrascht gewesen.
Sie beugte sich ein wenig vor und betrachtete Anna, die neben Alexander saß. Neid und Eifersucht stiegen in ihr auf. Ein gewagtes Abendkleid, unpassend für die Frau eines ehemaligen hochrangigen Adeligen. Nackte Arme, ein Dekolleté, das kaum den Busen verbirgt und Träger, die um den Hals geschlungen sind – schamlos. Ihre Augen wanderten zu Annas Halskette, die bei jeder leichten Bewegung funkelte wie die Sterne am Firmament. Sie muss Otto ein Vermögen gekostet haben. Wahrscheinlich überhäuft er sie mit Geschenken, weil er es im Bett nicht mehr so bringt, dachte sie mit einem Anflug von Bosheit. Viel kann sich zwischen den beiden nicht abspielen. Er meist in Wien und sie auf Hogär. Komische Einstellung zu einer Ehe, ich wäre ihm nie freiwillig von der Seite gewichen.
Peter warf Antonia einen belustigten Blick zu. Wenn Blicke töten könnten, dann würde Anna jetzt tot vom Sessel fallen. Sie sieht aber auch hinreißend aus, diese weinrote Abendrobe steht ihr fantastisch. Bringt ihre tolle Figur gut zur Geltung. Gleich zerplatzt Antonia vor Eifersucht. Dabei hat sie das nicht nötig, sie sieht für ihr Alter noch sehr gut aus. Sie hat abgenommen und ihr Kleid kann sich auch sehen lassen. Lächerlich, dass sie mit Anna konkurrieren will, einundsechzig sind nicht zweiundvierzig. Ständig ist sie unzufrieden mit sich selbst, mit mir, mit Gott und der Welt. Ich bin zu gutmütig, sollte ihr ab und zu zeigen, wer der Mann im Haus ist. Carla hat sie meckern lassen und so getan, als würde sie sie nicht hören. Und was war? Antonia hat damit aufgehört, das sollte ich auch machen. Einfach ignorieren und nicht andauernd einlenken. Vielleicht wird sie jetzt, nachdem Carla mit Julio wieder ins Palais gezogen ist, verträglicher.
Mit einem inneren Seufzer wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Otto zu, der gerade sagte: „Nicht nur die Prunkräume in der Beletage sind im alten Glanz erstrahlt, vieles wurde völlig neu konzipiert. Der Trakt, wo früher Gästezimmer und Personalunterkünfte waren, ist in ein feines, kleines Hotel umgewandelt worden, das auf dem modernsten Standard ist und eine vorzügliche Küche bietet. Ich bin sicher, dass sich die Gäste dort wohlfühlen werden, nicht zuletzt durch das große Schwimmbad im Untergeschoss, das es meines Wissens in keinem Hotel in Wien gibt. Ich gestehe, mir damit einen eigenen Wunsch erfüllt zu haben, ich schwimme nämlich gerne.“
Gelächter brandete auf.
Otto hielt kurz inne und sprach dann weiter. „Die Leitung des Hotels, das gestern eröffnet wurde, hat meine Schwiegertochter Maria Grothas auf eigenen Wunsch übernommen. Danke, Maria.“ Er lächelte Maria zu, die zwischen Henry und Alexander saß. „Zurück zur Beletage. Ich werde einige Räume bei Bedarf nutzen, aber im Grunde steht die Beletage, in der auch meine Kunstsammlung untergebracht ist, der Öffentlichkeit zu bestimmten Zeiten zur Verfügung. Bereits in der nächsten Woche wird jedermann die Möglichkeit haben, einen Einblick in die barocke Lebenswelt zu bekommen und Gemälde, Skulpturen und Möbel aus den verschiedenen Epochen der Wiener Kunstgeschichte zu sehen.“
Er hob die Hand, als die Gäste zu applaudieren begannen, und fuhr fort: „Damit möchte ich einen kleinen Baustein zur kulturellen Entwicklung meiner Heimatstadt Wien beitragen. Bevor mein Sohn Alexander und Henry Large, die maßgebenden Architekten, und ich Sie jetzt, liebe Gäste, durch die Beletage führen, möchte ich es nicht verabsäumen, Danke zu sagen. Ein herzliches Dankeschön meinem Sohn Alexander und Henry Large, die für die Architekturpläne zuständig waren und meine ewigen Nörgeleien in bewundernswerter Weise ertragen haben. Ein Danke auch an die Baumeister Franz Navratil und Anton Pichler und nicht zuletzt an die vielen Handwerker, die hier beschäftigt waren. Vor allem bedanke ich mich aber bei meiner Frau“, er lächelte Anna zu, „die mich in dieser Zeit ertragen hat.“
Abermals wurde applaudiert.
„Lassen Sie mich noch einige Worte zum Programm sagen: Nach der Führung erwarten Sie kulinarische Köstlichkeiten im großen Wohnsalon. Meine Familie und ich stehen Ihnen gerne für Fragen zur Verfügung. Danke für Ihre Geduld.“ Otto hängte das Mikrofon auf den dafür vorgesehenen Ständer, lächelte in die Schar der Gäste, die heftig Beifall spendeten, und stieg vom Podium herunter.
„Das hast du wunderbar gemacht“, sagte Anna, als er kurz vor ihr stehen blieb. „Ich bin so stolz auf dich!“
„Danke, Liebling“, sagte Otto. „Ich auf dich auch, du siehst bezaubernd aus.“ Er küsste ihr die Hand, flüsterte „Jetzt kommt der anstrengende Teil“ und ging weiter, um sich den Ehrengästen zu widmen. Von einer Traube Menschen umgeben, verließ er schließlich den Festsaal.

 

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