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Renate Lehnort

 

Sinfonie des Teufels

 

 

 

Operation Blackbird

5. BAND 1941 - 1942

Historischer Roman

 

 

 

BLICK INS BUCH
Als Otto aus dem Hotel trat, war es bewölkt, für Mitte Dezember aber immer noch viel zu warm. Er überquerte die Fahrbahn und beschloss Unter den Linden, vorbei an der Humboldt Universität bis zum Berliner Dom zu gehen. Wie schön war diese Prachtstraße ohne die blöden Säulen mit dem Reichsadler zwischen den Bäumen dachte er, während er den breiten Mittelstreifen entlangspazierte, und verfluchte wieder einmal die Nazis. Beim Berliner Dom angekommen setzte er sich auf eine Bank im Lustgarten, rauchte sich eine Zigarette an und betrachtete mit Wehmut die teilweise Zerstörung des Doms durch die Luftangriffe der Engländer. Der kühle Wind und ein paar Regentropfen veranlassten ihn, sich auf den Rückweg zum Adlon zu machen. Zwei Drittel der Strecke lagen hinter ihm, als plötzlich die Sirenen schrillten und gleich darauf eine Stimme aus einem Lautsprecher dröhnte: „Achtung, Achtung, hier ist der erste Befehlsstand der ersten Flakstation Berlin. Die gemeldeten Bombenverbände befinden sich im Raum Hannover Braunschweig. Wir kommen wieder.“ Danach setzten die Sirenen ihr Geheul fort.
 Otto, und mit ihm viele andere rannten los. Wie aufgescheuchte Ameisen liefen die Leute kreuz und quer dort- und dahin, der Verkehr stoppte abrupt. Kaum war er beim Hotel angelangt, krachte es auch schon von allen Seiten.
In der Hotelhalle herrschte ein heilloses Durcheinander, eine Menschenmenge drängte Richtung Luftschutzkeller. Bereits beim Einchecken war Otto darüber informiert worden, was im Falle eines Fliegeralarms zu tun wäre. Man hatte ihm auch den Weg zu dem unterirdischen Bunker des Hotels gezeigt, der nicht nur von den Gästen, sondern auch von den Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes benutzt wurde. Mühsam zwängte er sich durch die Menge, passierte einen Angestellten des Hotels, der die Leute weiterleitete, und hörte plötzlich, wie eine weibliche weinerliche Stimme sagte: „Lassen Sie mich in den Bunker, bitte.“
„Können Sie sich als Gast des Hotels oder als Mitarbeiterin des Auswärtigen Amtes ausweisen?“, fragte der Angestellte.
„Nein, aber mein Onkel wohnt hier.“
„Das kann jeder sagen, ich bitte Sie das Hotel zu verlassen.“
„Das können Sie doch nicht machen!“, sagte die junge Frau und brach in Tränen aus.
Arme Haut, dachte Otto, drehte um und kämpfte sich gegen den Menschenstrom zu der Frau zurück. „Da bist du ja, Anna“, rief er laut und umarmte sie, als er bei ihr angekommen war. Dann maß er den Hotelangestellten mit einem bösen Blick und fragte: „Gibt es ein Problem mit meiner Nichte?“
Die junge Frau reagierte blitzartig. „Der Mann will mich nicht in den Schutzkeller lassen, Onkel. Ich wollte zu dir …“ Im selben Momente krachte es von allen Seiten, es schien, als würde die Welt untergehen. Durch die großen Fester schimmerte es orange.
Brandbomben, signalisierte Ottos Gehirn. „Komm, schnell“, befahl er, nahm die junge Frau an der Hand und zog sie brutal durch die Leute Richtung Luftschutzkeller. Im Inneren herrschte erstaunlicherweise Disziplin und Ruhe, die Leute teilten sich in dem zweigeschossigen riesigen Bunker, der um die zwanzig Räume besaß, auf. Wie im übrigen Hotel war auch hier alles luxuriös: Klimaanlage, Parkettböden, bequeme Sitzgelegenheiten, Kellner servierten mit weißen Handschuhen Wein und andere Getränke. Es schien, als würde die vornehmen Herrschaften das Bombardement nur wenig berühren. Nur an den blassen Gesichtern und den zum Teil gefalteten Händen konnte man sehen, dass der Angriff der Royal Air Force auch ihnen nicht egal war.
„Die müssten einmal in einem normalen Luftschutzkeller sitzen“, flüsterte die junge Frau mit einem bitteren Unterton, nachdem sie sich neben Otto in eine Ecke gesetzt hatte. „Da herrscht die reine Panik, wenn das Inferno draußen losgeht. Schreien, Weinen, vor Angst zittern und die laute Bitte an Gott, den Angriff heil zu überstehen. Die hier tun ja so, als wäre das alles nur ein Schauspiel.“ Jetzt klang Wut und Empörung durch.
„Ich verstehe Ihre Entrüstung“, nickte Otto. „Aber warum sollte es im Krieg anders sein? Geld regiert die Welt, das ist nun einmal so. Seien Sie froh, dass Sie hier sein können, meines Wissens gibt es in der Nähe keinen anderen Bunker.“
„Ich bin Ihnen auch sehr dankbar, dass Sie mich mitgenommen haben.“
„Nichts zu danken“, sagte Otto, zog seinen Mantel aus und legte ihn neben sich auf den Boden. „Warm hier. Wollen Sie nicht auch Ihren Mantel ausziehen?“
„Mein Kleid passt nicht hierher“, erwiderte sie leise und senkte die Lider.
Otto folgte ihrem Blick und bemerkte die dicken Wollstrümpfe und die klobigen abgewetzten Schuhe. „Das kann Ihnen egal sein“, sagte er im tröstenden Tonfall, „weder Sie kennen jemanden hier, noch jemand kennt Sie.“
„Auch wieder wahr“, sagte sie und ein Lächeln huschte über ihr ungeschminktes Gesicht, das von großen braunen Augen beherrscht wurde. Sie nahm die Kappe ab, strich die dunkelbraun gelockten Haare, die im Nacken zu einem Knoten geformt waren, zurück und schälte sich aus dem Mantel. Ein magerer Körper in einem karierten, abgetragenen Wollkleid kam zum Vorschein. „Ich war gerade auf dem Weg zu meiner Freundin“, begann sie zu erzählen. „Sie hat mir Unterschlupf gewährt, denn nach Hause kann ich nicht mehr. Ich bin ausgebombt worden.“
Otto ersparte sich eine Antwort, was hätte er auch darauf sagen sollen? Eine peinliche Stille baute sich zwischen ihnen auf. „Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt“, sagte Otto schließlich, „mein Name ist Otto Grothas.“
„Ich heiße wirklich Anna“, schmunzelte sie. „Anna Mendel, wie konnten Sie das nur wissen?“
„Sie sehen eben aus wie eine Anna“, lachte Otto und brach damit das Eis, denn Anna lachte lauthals und legte gleich darauf erschrocken die Hand über den Mund. Dann murmelte sie: „Wie unpassend, hier zu lachen.“
„Das finde ich nicht“, widersprach Otto. „Gerade jetzt dürfen wir nicht den Mut verlieren und was hilft da besser als gute Laune.“
„Wenn Sie meinen? Eines würde mich jetzt aber schon interessieren, Sie sagten, ich schaue wie eine Anna aus. Gegenfrage: Wie sieht denn eine Anna aus?“
„Jetzt bringen Sie mich in Verlegenheit“, lächelte Otto. „Wahrscheinlich war es Intuition. Wollen Sie ein Glas Wein?“
Anna nickte stumm, Otto winkte dem Kellner. Bald darauf standen zwei gefüllte Gläser auf dem kleinen Tischchen vor ihnen.
Otto hob sein Glas. „Auf Ihr Wohl Anna … Ich darf doch Anna sagen?“
Anna nickte abermals, nippte von ihrem Wein und sagte: „Sie sind vermutlich auch hier Gast.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Das merkt man gleich an meiner Aussprache, nicht wahr?“
„Ja, woher kommen Sie?“
Otto schmunzelte, ihre direkte Art gefiel ihm. „Ich bin Österreicher, genauer gesagt Wiener, und bin auf Geschäftsreise. Vor nicht allzu langer Zeit war ich in der Schweiz und davor in New York.“
In Annas Augen blitzte Sehnsucht auf. „New York! Dorthin würde ich auch einmal wollen … Ich habe viel über Amerika gelesen. Lesen ist meine Leidenschaft, bis vor kurzem habe ich in einer Leih-Bibliothek gearbeitet.“
„Warum jetzt nicht mehr?“
Anna beugte sich näher zu Otto. „Die Nazis haben sie geschlossen“, raunte sie, „weil sie nicht in ihr Programm passte. Bei uns gab es eben jede Art von Literatur, auch jüdische – das war ihnen nicht recht. Sie sagten, wir würden zersetzende und volksschädigende Literatur führen und mein Chef dürfe nur Nazi-Publizistik vertreiben. Das hat er verweigert und so kam es, wie es kommen musste.“ Sie seufzte. Dann stieß sie kaum vernehmbar hervor: „Ich hasse diese Bagage, die nur Unglück über uns bringt.“
„Sie sollten zu einem Fremden nicht so offenherzig sein“, flüsterte Otto zurück. „Wäre ich ein glühender Anhänger dieser Partei, könnte ich Sie jetzt denunzieren.“
„Sind Sie einer?“
„Nein. Aber Sie sollten trotzdem vorsichtiger sein. Was Ihre Arbeit betrifft …“ Otto runzelte die Stirn. Vielleicht könnte mir Rudi helfen, sie an der richtigen Stelle zu platzieren. Eine Schreibkraft beachtet keiner und …
„Wissen Sie vielleicht eine für mich?“, hakte Anna nach.
„Möglich … Was sind Ihre Stärken?“
„Ich schreibe sehr gut auf der Schreibmaschine, beherrsche Rechtschreibung und Grammatik, bin verlässlich und fleißig. Überstunden haben für mich nie eine Rolle gespielt.“ Annas Wangen waren vor Eifer rot geworden, sie schien vergessen zu haben, warum sie hier saß.
„Sekretariatsarbeit käme also infrage?“, fragt Otto und frohlockte innerlich.
„Schon, doch in meinem Fall …“ Anna sah zu Boden. Soll ich ihm vertrauen, oder nicht? So wie er spricht und sich gibt, stammt er wahrscheinlich aus der Oberschicht. Er hat mir geholfen, obwohl er das nicht hätte tun müssen … außerdem hat er mich aufmerksam gemacht, gegenüber Fremden vorsichtig zu sein. Ein gutes Zeichen … und aus dem Ausland ist er auch, ich riskiere es. Sie hob den Kopf, kam Otto so nahe, dass er den Duft ihrer Haut riechen konnte, und hauchte: „Ich bin Jüdin. Ich dürfte gar nicht hier sein, in die Innenstadt zu gehen ist uns verboten worden.“
„Eine Schande, mit Menschen so umzugehen“, murmelte Otto nahe an ihrem Ohr. „Sie hassen die Nazis, ich tue es auch, wir sollten uns zusammentun.“
„Wie meinen Sie das?“, fragte Anna und rückte von Otto ab.
„Hier ist nicht der richtige Ort, um das zu besprechen“, antwortete Otto verhalten.
„Wer sagt mir, dass ich Ihnen vertrauen kann“, sprach Anna ihren Gedanken laut aus.
„Niemand. Es sagt auch mir niemand, dass ich Ihnen vertrauen kann – nur mein Instinkt. Damit kein Missverständnis aufkommt, ich erwarte für meine Stellenvermittlung keine Gegenleistung – als Mann meine ich. In anderer Weise schon, das gilt es zu einem späteren Zeitpunkt zu besprechen. Ich will Sie zu nichts überreden, wenn Sie meinen, es ist besser, wir trennen uns nach dem Bombenangriff und jeder geht seiner Wege, soll es mir auch recht sein.“
„Das wollte ich damit nicht sagen“, stammelte Anna. „Falls Sie mir eine Stelle beschaffen, wäre diese mit einem Risiko verbunden?“
„Ja, das wäre sie und mit keinem kleinen“, gab Otto ohne Umschweife zu, griff nach den Zündhölzern und zündete sich eine Zigarette an. Dabei bemerkte er, wie Annas dunkle Augen ihn so eindringlich ansahen, als wollte sie in seinem Gesicht lesen, wie ehrlich er es mit ihr meinte. Dann wanderte ihr Blick zu seiner Hand und blieb auf seinem blauen Siegelring haften, der das Wappen der Grothas trug.
Ottos Mundwinkel zuckte. „Sind Sie fertig?“
Anna spürte, wie ihr die Röte in die Wangen schoss. „Womit?“, fragte sie.
„Mit Ihrer Prüfung. Ich hoffe, sie ist gut ausgefallen.“ Jetzt grinste Otto breit.
Anna vermied seinen Blick. „Ich wollte nicht unhöflich sein“, stotterte sie.
„Als Unhöflichkeit habe ich sie auch nicht aufgefasst“, entgegnete Otto. „Sie wollen wissen, mit wem Sie es zu tun haben, das ist verständlich. Kurz zusammengefasst: Ich bin Österreicher, wie ich schon sagte, bin verheiratet und habe vier Kinder, wobei zwei adoptiert sind. Meine Familie ist in New York. Ich habe geschäftlich gleichermaßen in der Schweiz wie auch in Berlin zu tun und reise zwischen den Ländern hin und her. Ich bin kein Freund der Nazis, werde auch nie einer werden, tue aber so, als wäre ich einer“, setzte er hinzu, wobei sein Ton noch um eine Spur leiser wurde. „Wissen Sie jetzt genug über mich?“
In der gleichen Sekunde, in der Anna ein „Ja“ hauchte, kam über Lautsprecher die Entwarnung.

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