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Renate Lehnort

 

Sinfonie des Teufels

 

Historischer Roman

 

 

 

Was ist Aristokratie? Die Aristokratie, ich werde es Euch sagen!

Die Aristokratie ist der Bund, die Vereinigung derer, welche genießen wollen,
ohne zu schaffen, leben wollen, ohne zu arbeiten, alle Ämter begehren,
ohne sie ausfüllen zu können, alle Ehren beanspruchen,
ohne sie verdient zu haben: das ist Aristokratie!


Maximilien Foy (1775 - 1825), französischer General und Staatsmann

 

 

Leseprobe:
 

Zögernd kroch das Morgenlicht durch das Dickicht der Bäume und vertrieb allmählich die Finsternis der Nacht. Die Hitze des Sommers schien an diesem Tag im August 1905 Vergangenheit zu sein. Es wehte ein kühler Wind aus Nordwest, Büsche und Gräser glänzten vor Nässe. Eine seltsame, fast greifbare Stille lag über der Landschaft und wurde nur durch das Morgenlied einiger Vögel unterbrochen.
Otto stieg mit Medizinalrat Doktor Karl Baron von Ebenstein aus seiner Kutsche und ging auf Maximilian zu, der rauchend unter einem mächtigen Ahornbaum stand. Sogar im Dämmerlicht bemerkte er, dass sein Freund leichenfahl war und tiefe Ringe unter den Augen hatte. „Servus, lieber Freund“, sagte er und stellte die schmale Schatulle neben sich ab. „Ich habe bereits alles mit dem Sekundanten deines Gegners besprochen. Er hat die Bedingungen gelesen und ist einverstanden. Ich wünsche dir viel Glück!“
„Danke“, murmelte Maximilian kaum vernehmbar.
Stumm warteten sie auf Maximilians Gegner – es gab nichts mehr zu sagen.
Punkt auf die Minute traf Baron von Breitner mit seinem Sekundanten ein. Beide lüfteten höflich die Melonen und blieben in angemessener Entfernung stehen. August von Breitner war ein junger, schmal gebauter Mann, dessen Gesicht ebenfalls Spuren einer schlaflosen Nacht zeigte.
Otto kniete nieder, öffnete die Schatulle, nahm zwei ziselierte Pistolen heraus und strich beinahe zärtlich über das kalte Metall. Pflichtgemäß ging er zu dem anderen Sekundanten, um die Waffen überprüfen zu lassen. Dann stellte er sich in die Mitte der Kontrahenten und händigte sie aus.
„Meine Herren, Sie haben die Bedingungen gelesen, sind Sie damit einverstanden?“, fragte er.
Beide nickten.
„Ich habe mit Baron von Breitners Sekundanten, Freiherr von Damnitz, vereinbart, dass ich das Kommando gebe. Zielen jeweils bei eins, bei zwei spannen, bei drei schießen! Bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein.“
Otto bemerkte, wie Maximilian seine Schultern straffte, als er Rücken an Rücken mit seinem Rivalen stand, bevor er zur angegebenen Markierung ging. Dort angekommen drehte er sich um und blieb in militärischer Haltung wartend stehen. Beide Sekundanten traten zurück, als die Gegner ihre Position eingenommen hatten.
„Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass es Ihnen die Ehre verbietet, vor meinem Kommando zu schießen“, betonte Otto, bevor er „Eins“ brüllte.
Beide hoben die Waffen und zielten.
„Zwei!“
Das metallische Knacken beim Spannen der einschüssigen Vorderladerwaffen war sonderbar laut zu hören.
„Drei!“
Zwei Schüsse peitschten auf. Dann war es gespenstisch still. Die Vögel waren verstummt.
Rasch lief Medizinalrat von Ebenstein mit Otto zu Maximilian, der bewegungslos am Boden lag. Nach einer kurzen Untersuchung diagnostizierte er: „Er ist nicht tödlich getroffen. Sieht mir nach einem glatten Schulterdurchschuss aus. Gott sei Dank hat die Kugel die Halsschlagader verfehlt. Bleiben Sie bei ihm, ich komme gleich.“ Bei von Breitner angekommen schüttelte er nur den Kopf und murmelte: „Da kann man nichts mehr machen!“
Die ersten Sonnenstrahlen blitzten durch die Bäume und tauchten den Platz, wo soeben ein junger Mann gestorben war, in ein mildes Licht. Die Vögel hatten ihren melodiösen Gesang wieder aufgenommen. Es war, als wäre nichts passiert.

 

*****

 

Maximilian öffnete seine Augen. „Wo bin ich?“, murmelte er. „Im Himmel?“
„Seh ich wie ein Engel aus?“ erwiderte Otto lachend und beugte sich über ihn. „Du hast Glück gehabt, ein glatter Schulterdurchschuss. Bald bist du wieder auf den Beinen!“
„Und der andere? Ist er auch nur verletzt?“
„Nein, der ist tot. Du bist ein guter Schütze.“
„Ich werde in die Hölle kommen ... Fünftes Gebot ...“
Zu Ottos Erstaunen brach Maximilian in Tränen aus und versuchte auch nicht, sie zu verbergen.
„Aber, Maxi, das ist Schicksal, du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen! Im Krieg müssen wir auch töten und das war eine Art von Krieg. Du hattest keine Wahl – sonst wärst du zum Gespött von ganz Wien geworden.“
Mit maskenhaften Gesichtszügen starrte ihn Maximilian an.
„Bitte, Maxi! Nimm dir den Vorfall doch nicht so zu Herzen!“
„Das fünfte Gebot lautet, du sollst nicht töten und ich habe es getan ... Ein Mörder bin ich, ein gottverdammter Mörder! Ich wollte, ich wäre statt des anderen tot.“
„Aber du ...“
„Ich danke dir für deinen Beistand, Otto“, unterbrach ihn Maximilian. „Aber mit meinem Gewissen muss ich alleine fertig werden. Eines aber weiß ich ... Helga wird niemals mehr die Möglichkeit haben, mich zu hintergehen – diese Hure. Falls sie zu mir will, ich will sie nicht sehen. Das alles ist unerträglich … ich will jetzt schlafen, nichts mehr wissen. Nichts mehr ist ...“ Seine Stimme war von Wort zu Wort leiser geworden, Sekunden später schlief er. Die Injektion des Doktors wirkte.
Auf Zehenspitzen verließ Otto das Zimmer. Vor der Türe stand Helga von Steinach in einem einfachen dunkelblauen Wollkleid. Ihr Gesicht war weiß, dicke Tränensäcke zeugten von einer durchweinten Nacht. Unentwegt betupfte sie ihre Augen. „Wie geht es ihm?“, schluchzte sie. „Ich habe befürchtet, dass er sich duelliert. Ich kenne doch Maximilian! Es tut mir alles so leid! Ich wusste nicht, was ich tat.“
„Er schläft jetzt. Es ist allein deine Schuld, dass er einen Menschen töten musste. Du weißt genau, wie gläubig er ist und wie ihn dieser Mord, und seiner Meinung nach ist es einer, belastet.“ Ottos Tonfall war von Wort zu Wort schärfer geworden. „Wie konntest du nur? Ich sage dir, wenn Gertrud mich betrügt, dann erschieße ich sie wie einen tollen Hund oder lasse sie ins Irrenhaus sperren. Du hast Glück, wenn dich Maxi nach diesem Vorfall nicht verstößt. In unseren Kreisen wärst du dann unmöglich. Eine Unperson. Keiner würde je wieder ein Wort mit dir sprechen.“
„Kann ich zu ihm?“ flehte Helga. „Ich werde alles wieder gutmachen!“
„Nein. Er will dich nicht sehen und das kann ich gut verstehen!“ Otto nahm seine Melone. Schon im Hinausgehen drehte er sich noch einmal um und sagte verächtlich: „Der Teufel soll dich holen!“
Nach diesem frommen Wunsch verließ Otto das Palais von Steinach. In der Kutsche brummte er: „Jetzt habe ich mir einen Cognac redlich verdient. Weiber! Immer die Weiber müssen Probleme machen!“

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