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Anna Mattheo

Kein gewöhnlicher Mord

 

Roman

 


 

BLICK INS BUCH:

 

„Du hier?“, fragte Klaus Winkler und starrte seine Tochter Ulrike wie ein Gespenst an, als sie vor ihm im Stüberl des Hotels Adler stand.
„Ich will Mama abholen“, erklärte Ulrike und setzte sich neben ihre Mutter. „Sie hat mich gebeten herzukommen.“
„Was soll das Gerda?“, herrschte Winkler seine Frau an.
Gerda senkte die Lider. 
„Gerda, ich habe dich etwas gefragt!“
„Das stimmt … Ich habe Ulrike angerufen, weil …“, stotterte Gerda und wagte nicht ihrem Mann in die Augen zu schauen. 
Winkler beugte sich über den Tisch. „Schau mich gefälligst an, wenn ich mit dir spreche. Ich frage dich nochmals: Was soll das?“
Jetzt sah ihn Gerda aus ihren großen wasserblauen Augen an. „Ich will nach Hause, ich fühle mich nicht wohl – mein Magen. Ich habe dir nichts gesagt, weil ich dir den Urlaub nicht verderben möchte … du wirst mich nicht vermissen.“ Ihre Stimme klang resigniert.
Was sie wieder daherredet, dachte Ulrike. Warum sagt sie ihm nicht endlich die Wahrheit? Sagt, dass sie ihn verlassen will, es nicht mehr mit ihm aushält.
„So ein Unsinn“, fauchte Winkler. „Du bleibst selbstverständlich. Eine Frau gehört an die Seite ihres Mannes. Und du Ulrike solltest die Wehwehchen deine Mutter nicht so ernst nehmen. Du weißt doch, was sie für eine Hypochonderin ist. Wieso lässt du überhaupt dein Kind allein? In dem Alter! Wer passt jetzt auf Leonie auf?“
„Ihr Vater.“
„Dieser Tunichtgut? Das ist verantwortungslos! Wie konntest du nur?“ 
„Das ist es nicht!“ antwortete Ulrike scharf. „Er ist immerhin ihr Vater.“ 
„Leider. Er stillt sie jetzt wohl auch?“ Winklers Ton war höhnisch.
„Ich habe keine Milch, Papa, sie be…“
„Kein Wunder, wenn dir dein widerlicher Ehemann quasi im Wochenbett eröffnet hat, er wolle sich scheiden lassen. Dieser Unmensch!“
„So war das nicht! Es stimmt, er hatte in meiner Schwangerschaft eine Affäre, aber es war nur eine Affäre. Ich habe ihm wegen unseres Mäuschens verziehen und jetzt wollen wir einen Neuanfa…“
Winkler schnitt ihr das Wort ab. „Kommt nicht infrage! Du verlässt ihn und ziehst wieder zu uns. Kommst mit der Kleinen in dein Elternhaus, wo du hingehörst. Nein“, er hob die Hand, „keine Widerrede! Leonie braucht einen Vater, dieser werde ich sein und deine Mutter – die sowieso den ganzen lieben Tag nichts zu tun hat – wird sich um sie kümmern, wenn du wieder arbeiten gehst. Punkt!“
Ulrike sah ihrer Mutter mit einem Blick an, als wollte sie sagen: Warum widersprichst du ihm nicht? Du weißt doch genau so gut wie ich, was er vorhat. Hast du nicht schon genug Unglück über mich und Silke durch dein Schweigen gebracht? 
Gerda wich dem Blick ihrer Tochter aus und klimperte mit ihrer Halskette. 
„Der Meinung bist du doch auch Gerda?“, vergewisserte sich Winkler. 
„Natürlich Klaus, ich bin ganz deiner Meinung.“ Gerda legte die Hand auf seinen Arm. „Reg dich nicht so auf, das schadet deinem Blutdruck.“
Winkler schüttelte ihre Hand wie eine lästige Fliege ab. „Damit ist alles geklärt … und dich Ulrike möchte ich hier nicht länger sehen.“
„Mama?“, fragte Ulrike leise.
„Tu, was dein Vater sagt. Es … es geht mir schon viel besser. Tut mir leid, du hast jetzt den weiten Weg umsonst gemacht.“
„Das ganze Jahr über arbeite ich schwer und dann habe ich nicht einmal im Urlaub meine Ruhe“, keifte Winkler und stand auf. „Ich gehe jetzt auf mein Zimmer – mir reicht es.“ 
Gerda neigte sich zu ihrer Tochter und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Dann murmelte sie: „Ich gehe auch schlafen – komm gut nach Hause.“
„Wieso gibst du immer nach? Wie oft hast du uns schon versprochen, dass du dich von ihm trennst?“
„Ich will ja, aber es geht nicht“ stieß Gerda hervor. „Ich habe keinen Beruf, kein Geld, nur das Haus, wie stellst du dir …“
„Verkauf es! Dann hast du Geld. Du könntest dir eine kleine Wohnung nehmen, es würde dir genug zum Leben bleiben.“
„Mein Elternhaus verkaufen? Nie und nimmer!“
Als Ulrike zu einer Erwiderung ansetzte schnitt Gerda ihr das Wort ab. „Genug jetzt. Wir sehen uns zuhause.“ 

*****

Es war bereits nach Mitternacht, als Horst und Lena nebeneinander in ihren luxuriösen Betten lagen. „Jetzt bin ich ganz froh, dass du mich zu dieser Reise überredet hast“, gestand er. „Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut erholt gefühlt. Die Reisegruppe ist auch in Ordnung, fast nur angenehme Leute.“ 
„Finde ich auch. Weißt du, dass das nette Pensionisten-Ehepaar, das hinter uns im Bus sitzt, auch Rabe heißt? Vielleicht bist du mit ihnen verwandt?“
„Nein, sie stammen aus Sachsen, dort habe ich keine Verwandten. Und dass sie nett sind, ist klar. Raben sind eben so.“ Horst lachte.
 Lena gab ihm einen leichten Stoß in die Seite. „Sind so? Dann hast du aber noch einiges nachzuholen. Seine Frau hat mir erzählt, dass sie diese Reise anlässlich ihres 50. Hochzeitstages machen. 50 Jahre, Horst!“
„Und so wie sie miteinander umgehen, sie sind scheinbar immer noch glücklich miteinander. Im Gegensatz zu dem Ehepaar – jetzt fällt mir der Name nicht ein – er ist Lehrer.“ 
„Meinst du die Winklers?“, fragte Lena.
„Ja. Er ist ein richtiger Kotzbrocken. Hast du gehört, wie er mit ihr spricht? Als wäre sie seine Leibeigene.“
„Das ist mir auch aufgefallen. Ich an ihrer Stelle würde mir diesen Ton nicht gefallen lassen.“
„Du bist auch eine starke Frau“, sagte Horst und tätschelte ihren Arm. „Sie dagegen wirkt auf mich wie ein zerbrechliches Püppchen. Wer weiß, was in dieser Ehe abläuft.“
„Sicher nichts Gutes, sonst würden sie nicht in getrennten Zimmern schlafen. Ich habe mich bei unserem letzten Stopp ein wenig mit ihr unterhalten. Ich hatte den Eindruck, dass sie froh war, mit mir plaudern zu können. Sie hat mir erzählt, sie hat zwei Töchter, eine 23 und die andere 18 Jahre …“
„Dann muss sie ihn schon in sehr jungen Jahren geheiratet haben“, warf Horst ein. 
„Oder sie wirkt nur so jung, weil sie so zart ist. Egal, die ältere hat erst vor Kurzem ein Kind bekommen – ein Mädchen. Sie hat mir die Fotos von der Taufe gezeigt.“ 
„Wieso erzählen dir die Leute immer gleich ihr halbes Leben?“
„Weil ich ein offener Mensch bin und auf sie zugehe.“ Lena schwieg nahezu eine Minute und starrte an die Decke.
„Was ist?“, fragte Horst. „Über was denkst du nach?“
„Über nichts Besonders. Ich habe mich nur gefragt, wer wohl die junge Frau war, mit der sie nach dem Abendessen in der Gaststube beisammengesessen sind. Es schien so, als würde er beiden eine Standpauke halten.“
„Mir ist nichts aufgefallen, was du alles siehst! Du solltest dich bei uns bewerben.“
Lena lachte laut auf. „Verbrecherjagd? Das wäre nichts für mich, Horst.“ Sie streckte die Hand nach der Nachttischlampe aus. „Schlafen wir, es ist spät.“ Kurz darauf sagte sie in die Dunkelheit hinein: „Schade, dass ich sie nur von hinten gesehen habe … der Winkler war ja ganz aus dem Häuschen. Komi…“
„Jetzt lass doch die Winklers“, brummte Horst und drehte sich auf seine Einschlafseite.

*****

„Alles was das Herz begehrt“, murmelte Horst, während er das Frühstücksbuffet mit den Augen durchkämmte.
„Stimmt, lauter Köstlichkeiten“, pflichtete ihm Lena bei und steuerte mit zwei vollen Kaffeetassen auf den ihnen zugewiesenen Tisch zu.
„Wieso nimmst du nur Brot, Butter und Käse?“, fragte Horst mit einem verwunderten Blick auf ihren Teller, als sie sich gegenübersaßen.
„Ich esse doch nie viel um diese Zeit, warum sollte das im Urlaub anders sein.“
Horst schüttelte den Kopf. „Verstehe ich nicht, bei dem Angebot, das ist dire…“ Ein gellender Schrei ließ ihn hochfahren. „Was zum Teufel“, brummte er und rannte in die Richtung, aus der er gekommen war. Er brauchte nicht lange nach der Quelle zu suchen. Auf dem Gang, der zu den ebenerdig gelegenen Gästezimmern führte, stand eines der Stubenmädchen mit weit aufgerissenen Augen und deutete, als sie ihn bemerkte, mit zitternder Hand auf eine offene Tür. 
Horst betrat das Zimmer und sah Winkler mit aufgerissenem Mund und starren Augen auf seinem Bett liegen. Als er näher trat, stellte er fest, dass sein Mund mit einer braunen Masse gefüllt war, und wusste in der gleichen Sekunde, hier lag ein Ermordeter. Geräusche an der Tür veranlassten ihn sich umzudrehen. „Halt“, sagte er zu den Leuten, die ins Zimmer drängten, und hob die Hand. „Gehen Sie hinaus, Sie erschweren sonst die Arbeit der Polizei. Ich bin Kriminalbeamter.“
„Was ist passiert?“, fragte eine Frau im Dirndl. 
„Ich sagte, alle gehen hinaus, auch Sie.“
„Der Mann ist einer meiner Gäste, ich habe als Hotelchefin das Recht zu wissen, was passiert ist.“
„Herr Winkler ist vermutlich ermordet worden“, klärte Horst sie leise auf. „Rufen Sie die Polizei.“ 
„Um Gottes willen“, murmelte die Hotelchefin, eilte davon und wäre um ein Haar mit Lena zusammengestoßen, die sich gerade mit den Worten „Lassen Sie mich durch, ich bin Ärztin“ einen Weg durch die neugierig glotzenden Leute bahnte.
Horst trat vor die Tür. „Ich bitte Sie nochmals, sich zu entfernen, da gibt es nichts zu sehen.“ Es war, als würde er gegen eine Wand sprechen. Mit einem Knall und der Bemerkung: „Fürchterlich sind diese Gaffer“, schloss er hinter Lena die Tür 
„Oh je!“, sagte Lena und trat an das Bett. „Eindeutig ein gewaltsamer Tod“, stellte sie nach einer kurzen Untersuchung fest. „Die Totenstarre ist noch nicht voll ausgeprägt … Ich schätze, er ist gegen Mitternacht ermordet worden. Petechiale Blutungen, also Stauungsblutungen, in den Augen und der Haut, die Pupillen sind erweitert … er dürfte an dem, was in seinem Mund steckt, erstickt sein.“
„Was ist es?“, fragte Horst. 
„Ich weiß nicht genau, dazu müsste ich ihn näher anschauen. Es schaut so aus, als wäre sein Mund mit Schokolade gefüllt.“
Horst rieselte es kalt über den Rücken. „Mit Schokolade? Dann wäre er ja wie ein Gans ge…“
Im selben Augenblick ertönte eine Polizeisirene. Kurz darauf betraten zwei Polizisten das Zimmer. „Was ist hier los?“, fragte einer von ihnen in harschem Tonfall. „Was machen Sie da?“ 
„Mein Name ist Horst Rabe, ich arbeite im LKA Wien, bin also ein Kollege. Und das“, er deutete auf Lena, „ist Frau Doktor Sanderson, Gerichtsmedizinerin, ebenfalls aus Wien. Wir sind im Urlaub hier.“
„Dienstausweis!“ forderte der andere Polizist mit misstrauischem Blick und streckte die Hand aus.
„Den kann ich Ihnen später zeigen. Wie Sie sehen, ist hier ist ein Mord passiert. Ich schlage vor, Sie zertrampeln nicht noch weitere Spuren, sondern setzen sich mit dem Landeskriminalamt Salzburg in Verbindung und fordern die Tatortgruppe an.“ Horsts Tonfall war von Wort zu Wort schärfer geworden. „Wer ist im LKA Salzburg dafür zuständig?“
„Chefinspektor Harald Meister.“
„Dann rufen Sie ihn an, sagen ihm meinen Namen und geben ihm die Auskunft, dass ich mit seinem Chef, Oberstleutnant Wagenmüller, befreundet bin. Zu Ihrer Information: Der Tote heißt Klaus Winkler und ist meines Wissens Lehrer in Wien. Er ist, war mit seiner Gattin, so wie wir auch, im Urlaub hier. Ich an ihrer Stelle würde mir das notieren.“
Der Polizist bekam einen roten Kopf, zögerte, zückte aber schlussendlich doch sein Notizbuch und schrieb etwas hinein. Dann hob er seinen Kopf und fragte: „Wo ist seine Frau?“
Horst hob die Schultern. „Das weiß ich nicht, vielleicht im Frühstückzimmer. Ich würde Ihnen empfehlen, die Tür zu verschließen und keinen Gast mehr hinaus zu lassen. Ich bin mit meiner Frau auf der Terrasse – falls man mich braucht.“
„Denen hast du es aber gegeben“, lachte Lena, als die Polizisten verschwunden waren. 
„Blödmänner“, knurrte Horst und zündete sich die erste Zigarette des Tages an.

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