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Anna Mattheo

 

Die rote Perücke

 

Psychothriller

 

 

 

 

 

„Rache trägt keine Furcht!
Sich selbst ist sie die fürchterliche Nahrung,
ihr Genuß ist Mord, und ihre Sättigung das Grausen.
Friedrich Schiller

 

 

 

Leseprobe:
 

Eine Woche später war Anja wieder zu Hause. Körperlich gesund, psychisch stark angeschlagen. Die Information des Arztes, dass sie nie mehr schwanger werden konnte, nagte an ihr. Die Welt erschien ihr grau, feindlich und unberechenbar. Sie verkroch sich in ihr Schlafzimmer und wollte mit niemandem, auch nicht mit Stefanie reden. Der Gedanke, dass sie nicht imstande war, ein Kind auszutragen, quälte sie, ihr Selbstwertgefühl war so gut wie nicht mehr vorhanden.
Peter bedauerte schlussendlich die Fehlgeburt, da er sah, wie Anja litt. Seine Bemühungen, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Nach langem Zureden ließ sie sich überreden, mit ihm auf zwei Wochen Urlaub in die Dominikanische Republik zu reisen. Seine Hoffnung, dass sich dadurch ihr Zustand ändern würde, verflüchtigte sich im Nichts. Sie kam ihm vor wie eine Marionette: Sie lachte, wenn er es von ihr erwartete, sie liebte ihn, wenn er es wollte, sie aß, wenn das Essen vor sie hingestellt wurde. Es schien ihm, als wäre jedwede Lebenslust von ihr gewichen. Wieder Zuhause suchte er Anjas Therapeuten auf, um ihn um Rat zu fragen. Die Auskunft, dass seine Frau durch den Verlust des Kindes seelisch schwer erkrankt war, erschütterte ihn bis in die Grundfesten seines Selbst. Mit steinerner Miene hörte er sich die Prognose des Arztes an: Einer Genesung stehe mit vielen Therapiestunden und medikamentöser Einstellung nichts im Wege, aber sie erfordere viel Geduld. Auf dem Nachhauseweg war es mit seiner Beherrschung vorbei. Er musste am Wegesrand stehen bleiben, um seine Emotionen halbwegs unter Kontrolle zu bringen.
Ursula stellte mit Genugtuung fest, dass ihr Vorhaben gelungen war. Das Kind war kein Thema mehr, Anja war so gut wie ausgeschaltet. Nur mehr eine Winzigkeit und sie würde für immer verschwinden. „Kurt“, sagte sie, „ich bin mit dem Ergebnis unseres Planes mehr als zufrieden. So bald wie möglich werde ich ihr den Rest geben.“
„Und wie willst du das anstellen?“, fragte Kurt.
„Ich werde mit offenen Karten spielen. Ich werde ihr auf den Kopf zusagen, dass wir sie hier nicht haben wollen.“
Kurt wiegte bedenklich seinen Kopf. „Sie könnte dich bei Vater anschwärzen.“
„Das glaube ich nicht – so wie sie beisammen ist. Ich werde ihr Geld bieten, damit sie abhaut.“
„Trotzdem ... es ist ein Risiko. Ich würde es nicht tun. Sie stört doch jetzt im Grunde nicht und ein Kind kann sie auch nicht mehr bekommen.“
„Das ist mir egal. Ich will sie hier nicht haben.“
„Na gut. Aber ich sage dir gleich, wenn sie zu Vater geht und ihm alles sagt, dann habe ich nichts damit zu tun.“
Ursula sah ihn verächtlich an. „Du bist und bleibst ein Feigling, Kurt. Falls sie mich bei ihm anschwärzen will, dann sage ich, dass diese Geschichte ihrer Fantasie entsprungen ist. Vater glaubt mir mehr als ihr.“
Kurt zuckte die Achseln. „Mach doch, was du willst. Ich bin nicht dabei.“
„Auch recht“, erwiderte Ursula zornig. „Dann ziehe ich es alleine durch, du schwules Weichei du!“
 

*****


Der Regen klopfte an diesem Sonntag bereits seit den frühen Morgenstunden eintönig gegen die Scheiben. Der Himmel war grau, die Wetteraussichten deprimierend. Ursula verzichtete, innerlich fluchend, auf ihren Besuch im Reitstall. Gelangweilt zog sie am Vormittag einige Runden im Swimmingpool, schwitzte ihren Verdruss in der Sauna aus und aß mit ihrem Vater, Anja und ihrem Bruder zu Mittag. Ihr Vater zog sich danach zu einem Nickerchen zurück, Anja schnappte sich ein Buch und ging Richtung Wintergarten, Kurt murmelte etwas von einem Fußballmatch. Ursula legte in ihrem Zimmer eine CD auf und nahm einen Geschäftsbericht zur Hand. Nach einer Weile pfefferte sie ihn auf den Tisch und sah nachdenklich vor sich hin. Dann straffte sie ihre Schultern und ging zu Kurt.
„Du, Kurt“, sagte sie, „ich mache es heute, jetzt gleich.“
„Was machst du?“, fragte Kurt verständnislos, ohne den Blick von dem Fernsehapparat zu nehmen.
„Was schon! Die Sache mit Anja. Heute bringe ich es zu Ende. Kommst du nun mit oder nicht?“
Kurt seufzte, warf noch einen letzten Blick auf das Match und stand auf. „Bevor ich mir nachher deine tagelangen Vorwürfe anhöre, komme ich halt mit. Aber gut finde ich es nach wie vor nicht.“
„Es hat dich keiner um deine Meinung gefragt“, schnauzte Ursula. „Sie liest wahrscheinlich im Wintergarten.“
Minuten später standen sie vor Anja.
„Braucht ihr etwas von mir?“, fragte diese und legte ihr Buch zur Seite.
„Wir brauchen tatsächlich etwas“, antwortete Ursula.
„Möchtet ihr euch nicht setzen?“
„Nein. Das, was ich, beziehungsweise wir dir zu sagen haben, redet sich leichter im Stehen. Hör mir jetzt genau zu, ich sage es nur einmal und hoffe, dass du nicht zu dumm bist, es zu verstehen.“
Anja war derart verblüfft, dass sie Ursula nur anstarrte.
„Du wirst es schon bemerkt haben, wir wollen dich hier nicht“, fuhr Ursula scharf fort. „Das wollten wir nie. Unseren Vater hast du täuschen können, uns nicht. Du bist nichts anderes als ein geldgieriges Luder. Und weil wir wissen, dass du das bist, bieten wir dir eine halbe Million Euro an, wenn du verschwindest.“
Anja funkelte Ursula an. Wie konnte sie es wagen, so mit ihr zu sprechen! „Nein, das tue ich nicht!“, fauchte sie. „Ich liebe euren Vater!“
Ursula zog eine Augenbraue in die Höhe. „Besser, du nimmst unser Angebot an, denn wenn nicht ...“
„Was wenn nicht?“, fragte Anja und schob kämpferisch ihr Kinn vor.
„Dann liebes Kind, werden wir dir das Leben zur Hölle machen.“
„Ich werde mit eurem Vater reden. Dann wirst du sehen, was passiert.“
Ursula lächelte spöttisch. „Versuche es nur ... Du glaubst doch nicht, dass deine Fehlgeburt ein Zufall war?“
In Anjas Augen blitzte ein fassungsloses Verstehen auf. „Ihr wart das“, flüsterte sie, „wegen euren Machenschaften habe ich mein Kind verloren.“
Die Wut überkam sie so plötzlich, dass sie jegliche Kontrolle über ihr Handeln verlor. Mit einem lauten Krach fiel ihr Sessel zu Boden, als sie in die Höhe schnellte und wie eine Furie auf Ursula losging.
„Ich bring dich um“, schrie sie, während sie Ursula am Hals packte. „Ich bring dich um, du elendes Miststück!“
Der Angriff kam für Ursula völlig überraschend. Sie verlor den Halt, taumelte zurück und landete mit rudernden Armen auf dem Boden. Anja mit ihr. Ihre Finger lagen wie Eisenklammern um Ursulas Kehle. Verzweifelt rang Ursula nach Luft und versuchte, sich zu befreien. Vergeblich.
Kurt starrte mit großen Augen auf das Geschehen. Es schien ihm, als hätte sich Anja von einer Sekunde auf die andere zu einem Monster verwandelt. Ursulas Röcheln brachte ihn zur Besinnung. Er stürzte sich auf Anja und versuchte, ihren Griff zu lösen. Schlussendlich gelang es.
Kaum war Ursula frei, begann Anja wahllos mit Gegenständen um sich zu werfen. Blumenvasen, Bücher, ja ganze Zimmerpflanzen flogen Kurt und Ursula entgegen. Dabei brüllte sie unflätige Schimpfwörter.
Peter schreckte durch den Lärm auf. „Was zum Teufel“, brummte er und schoss die Stiegen hinunter. Er blieb jäh stehen, als er seine tobende Frau und den zerstörten Wintergarten erblickte. „Anja, um Himmels willen, was tust du da?“, schrie er und rannte auf sie zu. Anja reagierte nicht. Mit einem Griff drehte er ihr die Hände auf den Rücken und hielt sie fest.
Anja brüllte weiter, wehrte sich nach Leibeskräften, trat, spukte und biss, hatte aber gegen Peter keine Chance. Seine Arme umklammerten sie wie ein Schraubstock, während er auf sie einredete und sein Bestes tat, sie zu beruhigen. Es war sinnlos, seine Worte schienen gar nicht an ihr Ohr zu dringen. Schließlich wusste er sich nicht anders zu helfen, als sie auf dem Boden zu fixieren und seinem Sohn zuzurufen: „Schnell, ruf die Rettung an.“

 

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