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Renate Lehnort

 

 

Das Böse zeigt sein Antlitz

 

Roman

 

 

„Des Bösen Anfang bei den Menschen ist zumeist das Gute, allzu Gute.“

Menander (Menandros), griechischer Dichter

 

 

 

LESEPROBE:

 

Wenig später verließen die beiden jungen Frauen das Haus. Anja im Lammfellmantel mit einen dicken Schal um den Hals und einer Wollhaube, die sie bis zu den Augen hinuntergezogen hatte, Ursula mit flatternden Haaren in einer eleganten Rotfuchsjacke. 

„Ich dachte, wir gehen gleich von hier aus spazieren“, bemerkte Anja, als Ursula die Garage ansteuerte.

„Den Weg kenn ich schon in- und auswendig. Wir fahren auf die Höhenstraße, bleiben bei einem Waldweg stehen, gehen dort spazieren und danach trinken wir einen Kaffee am Cobenzl und genießen die Aussicht. Bei dem Wetter wird uns ganz Wien zu Füßen liegen.“

Wenn ich jetzt sage, ich habe Angst mit ihr zu fahren, lacht sie mich aus, dachte Anja und stieg gottergeben in Ursulas silbergrauen Sportwagen. „Fahr aber in den Kurven nicht zu schnell, das vertrage ich nicht“, sagte sie, als Ursula flott aus der Garage fuhr. 

„Keine Sorge“, lächelte Ursula. „Du bist bei mir so sicher wie in Mutters Schoß. Als ich 18 war, wollte ich unbedingt eine Rallye-Laufbahn einschlagen und fing zu trainieren an. Na, du kannst dir vorstellen, wie Papa reagiert hat. Er war wütend und hat mich vor die Wahl gestellt: Entweder Rallye und unser Unternehmen bleibt für mich auf ewig Tabu oder Studium und spätere Mitarbeit. Ich habe mich dann schweren Herzens für das Wirtschaftsstudium entschlossen. Du kannst aber auch gerne selbst fahren, wenn dir das lieber ist.“

„Nein danke. Ich hatte einmal einen schweren Unfall, seitdem fahre ich nicht mehr.“

„Du solltest dich überwinden, es doch zu tun. Man muss sich seiner Angst stellen, nur so kann man sie bewältigen.“ 

„Möglich“, murmelte Anja abweisend. Sich der Angst stellen, sie weiß ja nicht, wovon sie spricht, weiß nicht, was ich durchgemacht habe. Die Besserwisserei könnte sie sich sparen, ich bin ja nicht von gestern! 

„Horch Anja, Dancing Queen von ABBA“, sagte Ursula, stellte das Radio lauter und klopfte mit den Fingern den Takt auf dem Lenkrad. „Ich liebe Songs aus den 70ern.“ Sie schien Anjas Bitte, nicht so schnell zu fahren, vergessen zu haben, und stieg aufs Gas.

Anjas Magen krampfte sich zusammen, der Schweiß trat ihr auf die Stirn. 

„Hier ist ein Seitenweg, hier können wir spazieren gehen“, rief Ursula plötzlich aus und stieg im selben Moment brutal auf die Bremse, während sie gleichzeitig Gas gab. Der Wagen scherte aus, drehte sich und stand in der umgekehrten Richtung am Rand der Straße still. 

Anja schrie. Es war ein hoher dünner, nicht enden wollender Schrei. Ihr Gesicht war hochrot, dann wurde es leichenblass und sie schrie, schrie ohne Pause. 

„Hör sofort damit auf“, brüllte Ursula sie an, packte sie an der Schulter und schüttelte sie. Dann gab sie ihr eine kräftige Ohrfeige. 

Schlagartig war es ruhig. Anja schlug die Hände vor das Gesicht, sie zitterte wie Espenlaub.

„Tut mir leid“, murmelte Ursula und setzte eine bestürzte Miene auf. Meine Rechnung ist aufgegangen, frohlockte sie innerlich. Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du nur noch ein menschliches Wrack sein.„Aber bei einem hysterischen Anfall wirkt eine Ohrfeige Wunder.“ Sie beugte sie sich zu Anja und strich ihr sanft über den Rücken. „Jetzt beruhig dich, es ist nichts geschehen. Ich hatte den Wagen immer im Griff, so dreht man im Rallye-Sport eben um. Ich habe es automatisch getan und nicht daran gedacht, dass es für dich ungewohnt ist.“

Anja saß zusammengekrümmt mit offenem Mund da, der Speichel tropfte ihr aus dem Mundwinkel, jeder Atemzug tat ihr weh, ihr Herz raste. Sie sah den Lastwagen auf sich zukommen und fühlte wieder diese schreckliche Ohnmacht, nichts dagegen tun zu können. Sie hörte das Knirschen von Metall und fühlte ihr Entsetzen, als sie ihren leblosen Mann sah, dem das Blut aus dem Mund lief und danach auf dem Rücksitz ihr Töchterchen. Ihr Gesichtchen blutüberströmt, die Augen offen und starr. 

Ursulas Stimme drang wie aus weiter Ferne an ihr Ohr. Sie hörte noch, wie sie sagte: „Ich fahr dich jetzt nach Hause.“ Dann fiel sie in Ohnmacht.

 

 

 

 

 

 

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