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Renate Lehnort

Barfuss auf spitzen Steinen

 

Roman

 


 

BLICK INS BUCH:

 

Eine ungute Spannung lag im Haus Riegler in der Luft, eine Spannung, die jederzeit zu explodieren drohte. 
Martin ging mit verbissenem Gesicht seiner Arbeit nach, zu Hause sprach er wenig und zog sich in seine Werkstätte zurück. Britta empfand diese Tage als die längsten in ihrem Leben. Tag und Nacht quälte sie sich mit Fragen: Was habe ich falsch gemacht? Was ist mit ihm passiert, dass er zu so einer Tat fähig war? War es der Verlust seines Vaters, der just zu diesem Zeitpunkt starb, als bei ihm die Pubertät eingesetzt hatte? Wieso hat er kein Mitleid mit der kleinen Emily gehabt? Hätte ich mehr mit ihm über Sexualität reden müssen? Dann hätte ich vielleicht seine Abartigkeit erkennen und die Tat womöglich verhindern können. Sie fühlte sich schmutzig, so schmutzig, als hätte sie Emily ermordet. Laura und Georg geisterten zusätzlich in ihrem Kopf herum: Wie ging es ihnen jetzt? Sie hassten Tim wahrscheinlich und sie als seine Mutter. Wahrscheinlich dachten sie auch über ihre Schuld nach. Wie gerne hätte sie mit Laura gesprochen, aber Laura, ihr Lebensmensch, war verschwunden. Sie weinte um Laura, um Tim und ihr verloren gegangenes Leben.
Marlies verbarrikadierte sich in ihrem Zimmer, kam nur zu den Mahlzeiten heraus und aß so gut wie nichts. Sprach Britta oder Martin sie an, gab sie knappe Antworten. Ihre Fröhlichkeit war wie weggeblasen, es war, als hätte sie sich in einem Panzer verkrochen. Eine Woche nach Tims Verhaftung brach sie ihr Schweigen: „Damit ihr es wisst“, sagte sie und ihre dunklen Augen glühten dabei wie schwarze Kohlen, „Tim ist für mich gestorben. Ich habe keinen Bruder mehr und ich will nicht, dass er mir gegenüber jemals wieder erwähnt wird. Für das, was er getan hat, gibt es keine Entschuldigung. Ein Kind zu vergewaltigen und zu töten, das ist das Letzte! Ich werde noch diese Woche ausziehen.“
Das kannst du mir nicht antun, mich allein zu lassen, wollte Britta sagen, schluckte und fragte stattdessen in ruhigem Tonfall: „Wohin willst du ziehen?“
„In eine Wohngemeinschaft nach Wien, nicht weit von der Uni. Ich hab schon alles geregelt. Euch würde ich raten, das Haus so schnell wie möglich zu verkaufen und auch von hier zu verschwinden.“
„Das machen wir sicher nicht“, fuhr Britta sie an. „Hier ist mein Zuhause! Irgendwann wird die Presse aufhören, darüber zu schreiben, und die Leute werden sich wieder beruhigen. Es gibt nichts Uninteressanteres als eine Zeitung von gestern. Was Tim anlangt, so bin ich von dir enttäuscht. Missverstehe mich nicht, ich verabscheue seine Tat, ich verabscheue, was er getan hat, und ich verstehe nicht, dass er dazu fähig war. Aber er ist mein Kind, dein Bruder und wir sollten ihn trotz allem nicht in Stich lassen. Ich frage mich andauernd, was mag in seinem Kopf vorgegangen sein?“
„Vorgegangen in seinem Kopf?“, wiederholte Marlies spöttisch. „Das kann ich dir sagen: Gar nichts! Sein Verstand, sein Mitleid, alles in die Hose gerutscht. Er war schwanzgesteuert, nichts anderes, und als die Kleine geschrien hat, hat er sie zum Schweigen gebracht. Widerlich!“
„Sprich nicht so vulgär“, schrie Britta und hob die Hand.
„Schlag mich doch! Schlag mich und geh zu deinem missratenen Sohn, der den Namen Mensch nicht verdient. Er hat ein kleines Kind vergewaltigt und umgebracht! Dir scheint nicht klar zu sein, was das bedeutet.“
„Himmelherrgott, er ist dein Bruder!“, schrie Britta und hieb mit der Faust auf den Tisch. „Er muss krank sein, sonst hätte er das nicht getan. Was er verbrochen hat, ist abscheulich, keine Frage. Er wird dafür büßen müssen und ich …“
„Büßen müssen?“, wiederholte Marlies lautstark mit ebenso hochrotem Kopf wie ihre Mutter. „Was für eine Buße könnte es geben, die für Vergewaltigung und Mord an einem kleinen Kind ausreicht? Emily ist tot! Er hat sie bewusst gequält und umgebracht. Er ist nicht irre, Mama! Er ist böse!“

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